19.05.2021

Arbeitswelt der Zukunft

Homeoffice: Die normale Arbeitswelt der Zukunft?

Maren (Name geändert) hat in diesem Jahr einen neuen Job begonnen, ihre Kollegen hat sie bislang vorwiegend online gesehen, da alle aus dem Homeoffice arbeiten. Auch in Zukunft wird sich das für sie nicht groß ändern: Trotz Pandemie hat das Unternehmen mehr Mitarbeiter eingestellt. Im Büro wird in Zukunft nicht für alle Platz sein und so hat sich das Unternehmen zu einem Hot-Desk-Prinzip entschlossen: Mitarbeiter sollen in Zukunft vielleicht ein- bis zweimal die Woche ins Büro kommen, für Besprechungen oder um sich mit anderen auszutauschen. Dann steht ihnen auch im Büro ein Schreibtisch zur Verfügung. Ansonsten arbeiten die Mitarbeiter von zuhause. Ganz ähnlich ist das bei Annika*. Sie ist gerade umgezogen und wohnt jetzt gar nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz, sondern näher bei Freunden und in einer Gegend, in der die Mieten geringer sind. Ihr Arbeitgeber hat sich dazu entschlossen, dass Mitarbeiter in Zukunft nur noch ein bis zwei Mal im Monat ins Büro kommen müssen. Annika schreibt Marketing-Texte für Online-Produkte – und das kann sie genauso gut aus dem Homeoffice. Für die wenigen Arbeitstage im Büro nimmt sie nun gerne eine längere Pendelstrecke in Kauf. Doch ist das Homeoffice tatsächlich ein Kernelement der zukünftigen Arbeitswelt? Oder kehren irgendwann alle wieder in das altbekannte Büro zurück?

Homeoffice wird an Bedeutung gewinnen

Die beiden beschriebenen Fälle sind längst keine Einzelbeispiele. „Es gibt viele Unternehmen, die durch die Pandemie herausgefunden haben, dass das Tagesgeschäft im Homeoffice genauso gut abläuft wie im Büro“, sagt head for work Senior Consultant Alexander Do. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das in vielen Branchen die Arbeitswelt der Zukunft sein wird.“ Zumindest werde in vielen Unternehmen inzwischen öfters die Option angeboten, von zuhause zu arbeiten. Und das könnte auch nach der Pandemie so bleiben. „Ich denke, dass in der Zukunft die Relevanz des Homeoffice an Bedeutung gewinnt“, sagt head for work Recruitment Consultant Alina Senff.

Für Unternehmen bietet das Homeoffice tatsächlich einige Vorteile: „Zum einen kann dies eine Möglichkeit sein, auch Fachkräfte zu erreichen, die ohne die Homeoffice-Option gar nicht auf das Unternehmen aufmerksam geworden wären, weil es nicht im Pendelradius liegt“, sagt die Beraterin. Müssen Arbeitnehmer nur an einzelnen Tagen ins Büro fahren, dann steige eventuell die Bereitschaft, an anderen Tagen weitere Distanzen zu fahren. Auch Senior Consultant Ziya Sahin sieht darin einen der größten Vorteile für Unternehmen: Unternehmen werden plötzlich auch für Kandidaten mit einem längeren Anfahrtsweg eine attraktive Option. „Zugleich möchte man aber die Zügel nicht ganz aus den Händen geben, da man die Kontrolle über das Gesamtgeschehen behalten möchte“, sagt er.

Bessere Work-Life-Balance vs. fehlender Austausch mit Kollegen

Das weite Anfahrtswege und Pendeln ein Faktor für Kandidaten ist, zeigt auch das Beispiel von Annika: Sie wäre vielleicht in ein anderes Unternehmen gewechselt, hätte ihr Arbeitgeber nicht die Option für ein Homeoffice angeboten. Und hier liegt einer der größten Vorteile für die Mitarbeiter: Das Homeoffice erleichtert eine gute Work-Life-Balance, größere Nähe zu Freunden und Familie und eine höhere Flexibilität in der Arbeitszeit.

Doch nicht jeder ist ein Fan des Homeoffice. Alina Senff erlebt das immer wieder in Kandidateninterviews. „Ich bin der Meinung, dass viele Arbeitnehmer auch froh sind, häufiger ins Büro zu kommen. Gerade aus den Kandidateninterviews schließe ich, dass vielen Zuhause der lockere und ungeplante Austausch mit den Kollegen fehlt“, erzählt Aline Senff aus ihrer Erfahrung. „Aus Kandidatensicht kann man festhalten, dass dies meistens eine Frage des Typs ist“, ergänzt ihr Kollege Ziya Sahin. „Es gibt einige, die nur noch aus dem Homeoffice arbeiten möchten, da dadurch die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben am besten gewährleistet ist.“ Andere sind inzwischen Homeoffice-müde und berichten den Consultants bei head for work von Langeweile und Unproduktivität angesichts der langanhaltenden Pandemie. „Vor allem, weil der Arbeitsplatz im Office für einige auch einen Rückzugsort bedeutet“, sagt Sahin. So könne auch die Kreativität im Homeoffice leiden. „Ideen, die auf dem Weg in die Kantine oder bei der Fahrt mit dem Aufzug entstehen, entstehen im Homeoffice selten. Geplante Zoom-Konferenzen orientieren sich häufig an Tagesordnungspunkten und für kreativen Input ist wenig Platz“, sagt Recruitment Consultant Alina Senff.

Zusammengefasst gibt es also Vor- und Nachteile des Homeoffice und Unternehmen müssen gemeinsam mit den Mitarbeitern abwägen, welcher Ansatz für die eigenen Arbeitsstrukturen am besten geeignet sind.

Pro Homeoffice

  • Weniger gestresste Mitarbeiter sorgen für eine Steigerung der Produktivität. Die Attraktivität des Unternehmens steigt.

Der Radius für potenzielle, attraktive Mitarbeiter ist größer. Auch Kandidaten, die weiter weg wohnen und nicht umziehen können oder wollen, kommen für eine Stelle in Frage.

Wenn ein Unternehmen nur noch oder überwiegend aus dem Homeoffice agiert, kann das die monatlichen Fixkosten senken: weniger Büromiete, geringerer Stromverbrauch etc.

Unternehmen werden attraktiver für Arbeitnehmer mit Kindern oder Hunden, weil das Homeoffice ggf. die Betreuung vereinfacht.

Bessere Work-Life-Balance.

Man signalisiert den Mitarbeitern ein gewisses Vertrauen.

Viele Mitarbeiter können im Homeoffice konzentrierter arbeiten, da sie nicht von der Geräuschkulisse im Büro abgelenkt werden.

Die Zeit, die ansonsten für die Anfahrt drauf geht, können die Mitarbeiter effektiver in die Arbeit investieren.

Meetings per Telefon oder Videointerviews sparen Zeit, da keiner extra dafür anreisen muss.

Contra Homeoffice

  • Längere Kommunikationswege zwischen den Mitarbeitern und Mitarbeitern und Vorgesetzten.

Entscheidungen können sich verzögern.

Unternehmen und Mitarbeiter in Führungspositionen haben keinen 100%tigen Überblick mehr über das gesamte Geschehen.

Es muss ein entsprechend großes Vertrauen vorhanden sein, weil die „Kontrolle“ – aber auch die Hilfestellung – im Homeoffice entsprechend schwieriger umzusetzen ist. Das oft notwenige Monitoring fehlt.

Die Kreativität der Mitarbeiter könnte sinken, da der Austausch zu anderen Kollegen fehlt. In manchen Branchen fehlt es zuhause an der notwendigen Dynamik.

Mitarbeiter sind ggf. im Homeoffice unproduktiver, zum Beispiel weil ihnen der anregende, direkte und schnelle Austausch mit Kollegen fehlt.

Das Teamgefüge wird nicht gestärkt oder leidet sogar unter der räumlichen Distanz.

Fazit: Homeoffice und Büro werden bleiben

Für Recruitment Consultant Alina Senff ist die Zukunft eine Mischung aus Homeoffice und Zeit im Büro. Senior Consultant Ziya Sahin sieht das ähnlich. „Ich denke, dass der Mittelweg langfristig Bestand haben wird“, sagt er. Zwei bis drei Tage aus dem Homeoffice oder aus dem Büro? „Kandidaten möchten von dieser Flexibilität Gebrauch machen.“ Lino von Noppen, ebenfalls als Senior Consultant bei head for work tätig, sieht das Homeoffice zukünftig als einen selbstverständlichen Faktor für Arbeitnehmer: „Jedes Unternehmen, welches sich dauerhaft dem Homeoffice verweigert, wird es schwer haben, High Potentials von sich zu überzeugen.“

Homeoffice – aber richtig: Was Unternehmen und Mitarbeiter tun müssen

Um das Homeoffice erfolgreich zu machen, brauchen Mitarbeiter Unterstützung. So sollten sie zuhause entsprechend ausgestattet sein. „Generell sollte natürlich auch seitens des Arbeitgebers sichergestellt werden, dass der Arbeitnehmer die Möglichkeit hat, aus dem Home Office effizient zu arbeiten“, sagt Aline Senff. Das heißt: Stehen dem Mitarbeiter ein separates Zimmer zur Verfügung? Hat er einen Schreibtisch und einen ergonomischen Schreibtischstuhl etc.? „Wenn der Arbeitnehmer zum Beispiel am Esstisch arbeiten muss, so finde ich, das nicht langfristig auf das Homeoffice zurückgegriffen werden sollte. Denn letztendlich wird sich das auf die Gesundheit des Arbeitnehmers auswirken, was für den Arbeitgeber schädigend ist.“

Auf der anderen Seite müssen aber auch die Arbeitnehmer entsprechend mitziehen. Der Arbeitnehmer muss zum Beispiel das Vertrauen gewinnen, aus dem Homeoffice heraus zu arbeiten. „Das beginnt zum Beispiel bei der Erreichbarkeit des Arbeitnehmers und eventuellen Tageszielen, die erreicht werden müssen“, sagt Alina Senff. „Generell könnte es ein Ansatz sein, eine Anzahl an festen Homeoffice-Tagen festzulegen, so dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber damit planen können.“ Andererseits sind auch variable Homeoffice-Tage möglich. Auch die Büros selbst müssen entsprechend gestaltet sein. Für Lino von Noppen heißt das zum Beispiel die Installation von offenen, nicht zugewiesenen Workspaces. „Es ist eine Anmeldung des Arbeitnehmers notwendig, bei Bedarf ins Office zu kommen“, sagt er. Im Zweifelsfall ist das nämlich nicht möglich, wenn schon alle Plätze belegt sind. Der Arbeitnehmer erhält so eine große Flexibilität zwischen Office und Homeoffice zu wählen und der Arbeitgeber kann seine Mietkosten etc. signifikant reduzieren. So profitieren letztlich beide Seiten – und nur so kann das Homeoffice funktionieren.