05.05.2020

Familien in der Krise: Kinder und Corona

Die Coronakrise ist nicht nur eine medizinische oder wirtschaftliche Krise, sondern auch eine soziale. Und Kinder sind davon besonders betroffen. Da ist zum Beispiel das knapp einjährige Kleinkind der Nachbarn: Die Eltern hatten gerade begonnen, regelmäßig mit ihr in eine Kindergruppe zu gehen, als die Krise ausbrach. Fünf Wochen später fängt die Kleine an zu weinen, sobald sie eine andere Person sieht, als ihre Eltern. Fremde Menschen scheinen plötzlich so gefährlich. Corona trifft also auch die, die sich der Krise noch gar nicht bewusst sind oder diese bewusst erleben.

In Deutschland wird sich in den kommenden Wochen einiges ändern. Lockerungen wurden versprochen, die ersten Geschäfte haben wieder geöffnet, Schulöffnungen zumindest für die Abschlussklassen folgten oder werden folgen. Das klingt erst einmal gut, vernachlässigt aber viele Aspekte – insbesondere die Probleme von Familien mit kleinen Kindern.

Schulöffnung: Pro und Contra

Tagtäglich sammeln Forscher und Mediziner neue Erkenntnisse über COVID-19, über mögliche Ansteckungswege, Symptome und überhaupt wie der Virus im Körper wirkt. Bislang fokussierten alle Warnungen auf eine Infektion der Atemwege, neue Erkenntnisse zeigen aber, dass COVID19 womöglich auch andere Organe schädigt und das Herz-Kreislauf-System attackiert – unter anderem befürchten Mediziner Blutgerinnungsstörungen. Quelle

Gerade weil so wenig bekannt ist über COVID19, ist es so schwierig vorherzusagen, welche Folgen bestimmte Maßnahmen haben – zum Beispiel die angestrebten Schulöffnungen.

Wissenschaftler und darauf aufbauend Entscheidungsträger greifen bei Prognosen auf das zurück, was Forscher in vergangenen Pandemien und durch entsprechende Modellierungen gelernt haben. Je genauer die Daten, desto genauer die Modelle. Nach derzeitigen Berechnungen ist davon auszugehen, dass die Infektionsrate durch die Schulöffnungen wieder steigen könnte. Davon geht unter anderem das Robert-Koch-Institut aus. Quelle Andere Forscher schätzen die Rolle von Schulen als Verbreiter des Virus gering ein. Eine Studie der UCL zum Beispiel geht davon aus, dass Schulschließungen grundsätzlich einen eher geringen Effekt hätten. Quelle

Wie genau aber die Auswirkungen der Schulöffnungen sind, hängt unter anderem von den Maßnahmen in den Schulen ab: Sind die Schülergruppen klein und halten die Schüler einen entsprechenden Abstand, verringert sich das Risiko. Auch ist eine entsprechende Hygiene wichtig, wie Händewaschen oder eine regelmäßige Reinigung der Räume. Das heißt: Mit einfachen Schulöffnungen ist es nicht getan, die Schulen müssen auch entsprechend umstrukturiert und ausgestattet sein. So beschwerte sich auf Twitter bereits eine Schülerin, dass bei Ihnen in der Schule nicht genügend Waschräume zur Verfügung stünden, um regelmäßig die Hände zu waschen – selbst bei verringerter Schülerzahl. Auch Lehrerverbände äußerten Kritik: Die Schulen seien teils nicht in der Lage die geforderten Hygienevorschriften umzusetzen. Quelle

Eine andere wichtige Frage ist noch immer nicht geklärt und das macht Schulöffnungen problematisch: Wie weit tragen Kinder zur Verbreitung des Virus bei? Neuere Studien haben gezeigt, dass sich Kinder in gleichem Maße mit dem Virus anstecken, wie Erwachsene, aber häufig mit milderen oder anders gearteten Symptomen. Unsicher sind sich Forscher, ob Kinder dann genauso ansteckend sind, wie Erwachsene. Grundsätzlich können auch Menschen mit milden oder gar keine Symptomen den Virus weitertragen und so könnten sich Schulen zu potentiellen Ansteckungsherden entwickeln. Darüber hinaus ist es nicht gerade einfach, Kindern zu vermitteln, dass sie Abstand zu ihren Freunden halten müssen, um sich nicht anzustecken und den Virus möglicherweise nach Hause und damit in andere Bevölkerungsgruppen zu tragen.

Schulen zu öffnen, birgt also Risiken, sie geschlossen zu halten aber auch: Auch die psychische Gesundheit von Kindern leidet in der Krise. Kein Kontakt zu den Freunden, alleine zuhause, kein Raum sich auszutoben und sich auszutauschen – das kann langfristige Auswirkungen haben. Man denke an folgendes Beispiel: Ein Mädchen, sieben Jahre alt, Einzelkind, darf nicht aus dem Haus wegen einer Vorerkrankung, kleiner Garten, keine Freunde. Manchmal – ganz ohne Grund – bricht sie in Tränen aus. Oder man denke an den Dreijährigen, der jeden Abend einen Tobsuchtsanfall bekommt. Bis halb 11. Er vermisst seine Freunde, ist nicht ausgelastet. Warum das alles so komisch ist, versteht er natürlich auch nicht. Eltern und Familien haben mit dieser Situation seit Wochen zu kämpfen – und werden damit weitestgehend alleine gelassen. Hinzu kommt die Kritik, sollten sie es einmal wagen, die Kinder mit in den Supermarkt zu nehmen oder sollten sie aus Versehen beim Spaziergang einem Passanten zu nahe kommen.

Soziale Ungleichheit und Bildungsungerechtigkeit durch Corona

Die Krise verstärkt zudem die soziale Ungleichheit und betrifft wirtschaftlich benachteiligte Familien extra stark: Unterricht zuhause am Computer ist schwierig, wenn die technische Ausstattung fehlt oder das Internet langsam ist. Wer sich dank Jobverlust gerade noch Lebensmittel und Miete leisten kann, hat kein Geld, um den Kindern neue Bücher oder anregendes Spielzeug zu kaufen. Wer in einer kleinen Wohnung ohne Garten lebt, hat es deutlich schwerer als eine Familie mit Eigenheim und viel Platz hinterm Haus. Soziale Distanz und trotzdem frische Luft ist auf dem Dorf viel einfacher als in der Stadt. Dort sind die Spielplätze geschlossen und in den Parks müssen sich Kinder den Platz mit Spaziergängern und Joggern teilen und die Eltern sind mehr damit beschäftigt, „Abstand halten“ zu brüllen, statt den Kindern den dringend nötigen Freiraum zum Spielen und zum Toben zu geben. Auf dem Land hingegen ist das nächste Feld nicht weit und beim Staudammbauen im Bach stört auch keiner.

Arbeit ja, Kinderbetreuung nein

Derzeitige Lockerungen zielen unter anderem darauf, die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt wieder zu normalisieren. Eltern sollen wieder arbeiten gehen. Doch gerade für Eltern mit kleinen Kindern ist das nahezu unmöglich. Grundschulen und Kindergärten bleiben weiterhin geschlossen. COVID-19 hat damit noch eine weitere soziale Folge: Das Zurückdrängen von Frauen in alte Rollenverhältnisse. Häufig genug verdienen Männer immer noch mehr als ihre Partnerinnen und unter denjenigen, die in Teilzeit arbeiten, sind Frauen in der Mehrzahl. Müssen sich Paare also entscheiden, wer wieder voll arbeiten geht, während der andere die Kinderbetreuung übernimmt, fällt die Entscheidung meistens auf die Frau. Von Single-Müttern oder Single-Vätern ganz zu schweigen. Eine Rückkehr zu einem halbwegs normalen Arbeitsalltag, ohne dabei die Kinderbetreuung zu diskutieren, lässt Familien mit kleinen Kindern völlig im Stich.

Faire Regeln für alle?

Inzwischen gibt es Initiativen, die Kinderbetreuung zumindest in (privaten) Kleingruppen zu erlauben. „(...) es muss Eltern/Gemeinschaften gestattet werden, rollierend eine festgelegte Anzahl von (Klein-)Kindern zu betreuen, um Kita- und Grundschulschließungen und deren Auswirkung auf das Ausbleiben von Gleichaltrigen-Kontakten abzufedern“, heißt es in einer entsprechenden Online-Petition. Dabei gehe es um Kleingruppen von 2-5 Kindern. Darüber hinaus fordert die Petition die Öffnung von Spielplätzen und Vereinssportanlagen, die derzeit ungenutzt seien und Raum für Kinder bieten würden, die bislang mit ihren Familien auf Parkflächen ausweichen müssten. „Es erschließt sich nicht, warum nicht auch diese Flächen, analog Verkaufsflächen unter Personenzahlauflagen, wieder nutzbar gemacht werden sollten.“ Quelle Für viele Eltern ist es unverständlich, warum Geschäfte unter entsprechenden Auflagen öffnen dürfen, Kindern aber keinen Raum geboten wird.

Es stellt sich also abschließend die Frage, wie sich angesichts COVID-19 Regeln des Zusammenlebens finden lassen, die für alle gerecht und aushaltbar sind, die Menschen gesundheitlich, aber auch mental schützen. Für Monate und nicht für ein paar Wochen. Und diese Frage ist bislang unbeantwortet – insbesondere für Familien.

Mehr zu dem Thema

Quelle