04.11.2020

Glücklich sein – Es gibt keine Zauberformel

Was glücklich macht, ist nicht nur eine Frage für Philosophie oder Psychologie, sondern hängt mit chemischen Prozessen in unserem Körper zusammen. Das Glücks- oder Lustzentrum ist eine Ansammlung von Neuronen im Mittelhirn, die angeregt werden, wenn Menschen etwas überraschend Positives oder Neues entdecken und erleben. Das dadurch ausgeschüttete Dopamin, stößt wiederum Neuronen in anderen Teilen des Gehirns an. Im Frontalhirn zum Beispiel führt das dazu, dass man aufmerksamer wird und Informationen besser verarbeitet. Diese kurze Euphorie des Glücks ist aber nie von langer Dauer – der menschliche Körper wäre damit auch völlig überfordert. Was viele mit Glücklichsein verbinden, ist tatsächlich auch nicht dieses kurze Aufflammen glücklicher Gefühle, sondern ein innerer Zustand, den man auch als Zufriedenheit oder innere Ausgeglichenheit bezeichnen kann. Und dieser Zustand hängt von vielen verschiedenen Einflüsse ab – von der Lebenseinstellung bis hin zur finanziellen Absicherung, der Jobsituation und den Menschen in unserem Umfeld.

Soziologen beispielsweise untersuchen, welche gesellschaftlichen Faktoren eine Rolle spielen, damit Menschen sich als glücklich empfinden. So hat der Niederländer Ruut Veenhoven eine Glücksdatenbank (https://worlddatabaseofhappiness.eur.nl/) aufgebaut, um internationale Publikationen zu dem Thema zu analysieren. Und die Vereinten Nationen publizieren regelmäßig den World Happiness Report, der Menschen in mehr als 150 Ländern die Frage stellt, wie glücklich sie sind. Die UN ergänzt diese Befragung mit ganz objektiven Faktoren, wie Lebenserwartung, soziale Sicherheit, persönliche Freiheit etc. Die nordischen Länder landen dabei immer wieder auf den vorderen Plätzen. 2019 war Finnland die Nummer 1, gefolgt von Dänemark, Norwegen, Island, den Niederlanden, der Schweiz und Schweden. Neuseeland landete auf Platz 8, Kanada auf Platz 9, Österreich auf Platz 10 und Deutschland auf Platz 17. Quelle

Tatsächlich gibt es keine allumfassende Zauberformel für das persönliche Glück – dafür sind Menschen zu verschieden. Doch gibt es zahlreiche Faktoren, die zum Glücklichsein beitragen und einige von ihnen können wir selbst beeinflussen.

Macht Geld glücklich?

Geld spielt natürlich eine gewisse Rolle für das Glück. Wenn jemand arm ist und sich alle Gedanken darum drehen, wie man die nächste Miete bezahlen soll oder wer die Weihnachtsgeschenke für die Kinder bezahlt, dann beeinflusst das einen Menschen natürlich emotional negativ. Sind Grundbedürfnisse aber einmal erfüllt, flacht die Glückskurve schnell ab. Zu große Fokussierung auf materielle Werte kann im Gegenteil sogar Stress auslösen. Stresshormone wie Cortisol haben einen negativen Effekt auf den Körper und dämpfen beispielsweise das Immunsystem.

Freunde und Familie: Gute Beziehungen machen glücklich

"Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt." (Albert Schweitzer, Arzt und Philosoph)

Wichtiger als materielle Werte sind die menschlichen Beziehungen. Körperliche Berührungen stimulieren beispielsweise das Glückszentrum in Gehirn: Dauert eine Berührung länger als 20 Sekunden, so schüttet der Körper Oxytocin und Endorphine aus. Studien in den USA haben gezeigt, dass es nicht wichtig ist, wie viele Beziehungen man hat, entscheidend ist, wie eng die Beziehungen sind. Einen guten Freund oder eine gute Freundin nur einmal im Jahr zu sehen, macht immer noch glücklicher als viele oberflächliche Bekanntschaften. Es macht glücklich zu wissen, dass man sich auf andere verlassen kann.

Für Familien und in Partnerschaften gilt: Glückliche Beziehungen machen einen nicht nur grundsätzlich glücklicher, sondern auch gesünder. Studien haben hier gezeigt, dass Menschen mit harmonischen Beziehungen zu Familie und Freunden beispielsweise seltener über ihre Gesundheit klagten. Gerade im Alter zeigte sich, dass einsame Menschen häufiger krank werden und die Gehirnleistung schneller nachlässt.

Ein Schritt hin zu mehr Glück ist es also, an den Beziehungen zu den Menschen zu arbeiten, die uns wichtig sind. Gute Freundschaften aufzubauen oder eine Familie, können auf lange Frist zum eigenen Wohlbefinden – und dem der Freunde, Partner und Kinder – beitragen.

Selbstfindung: Von sozialen Zwängen, gesellschaftlichem Druck und Erwartungshaltungen lösen

"Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit." (Erasmus von Rotterdam)

Der erste Schritt zu mehr Glück – und vielleicht der schwierigste – ist sich bewusst zu werden: Was will ich eigentlich? Was macht mich glücklich? Und wenn ich unzufrieden bin: Warum eigentlich? Menschen stehen von vielen Seiten unter Druck: Bei jungen Menschen sind es vielleicht die Eltern, die eine bestimmte Erwartungshaltung haben. Später ist es dann vielleicht der Partner oder auch der Boss. Und natürlich gibt es auch gesellschaftliche Zwänge und es schwierig aus der Norm auszubrechen, wenn man – nur um ein Beispiel zu nennen – Mitte 40 noch einmal eine komplett neue berufliche Laufbahn einschlägt oder sich selbstständig macht. Das ist doch verrückt! Selbstfindung heißt also nicht nur zu schauen, was man mag und gerne tut, sondern auch zu schauen, wo man sich – vielleicht unbewusst – selbstgesetzten Zwängen unterwirft. Hängt man erst einmal in einer gewissen Routine fest, dann ist es schwer daraus auszubrechen – selbst wenn diese einen totunglücklich macht.

Glücksfaktor Beruf: Karrierewechsel und neue Herausforderungen können helfen

Wer im Beruf zutiefst unglücklich ist, der wird es auch im Privatleben schwer haben, glücklich zu sein. Wenn die Karriere stagniert oder man Schwierigkeiten mit Kollegen hat, dann schlägt sich das auf das Gemüt nieder. Stress und Überforderung im Beruf können zum Beispiel Burn-out oder Depressionen auslösen. Ebenso negativ ist das Gegenteil: die ständige Unterforderung, Langeweile und fehlende Herausforderung. Man spricht hier auch vom Boreout-Syndrom. Die Symptome sind ganz ähnlich wie beim Burnout: Antriebs- und Schlaflosigkeit, Kopf- oder Magenschmerzen, Schwindel – bis hin zur Depression. (https://de.wikipedia.org/wiki/Boreout-Syndrom) Oft ist es nicht ganz einfach sich einzugestehen, dass der Beruf einen derartig unglücklich macht, dass es Zeit wird für einen Karrierewechsel. Das kann im selben Beruf sein oder sogar durch eine Umschulung. Wie bereits diskutiert, kann Lernen und neue Erfahrungen für Dopamin-Ausschüttung im Gehirn sorgen und damit ein spontanes Glücksgefühl auslösen. Deshalb sind Herausforderungen im Beruf so wichtig. Wer nicht weiß, wie es weitergehen soll, kann sich beispielsweise Hilfe bei einem Karriereberater oder auch Mentalcoach suchen, um herauszufinden, welches der nächste richtige Karriereschritt und damit der erste Schritt in Richtung eines glücklicheren Lebens ist.

Ist glücklich sein eine Einstellungssache?

„Die meisten Menschen sind so glücklich, wie sie es sich selbst vorgenommen haben.“ (Abraham Lincoln)

„Glück ist kein Geschenk der Götter, sondern die Frucht innerer Einstellung“, sagte Psychoanalytiker Erich Fromm (1900-1980) und der römische Philosophenkaiser Marc Aurel hatte die Erkenntnis: „Auf die Dauer nimm die Seele die Farbe der Gedanken an.“ Oder um es umgangssprachlich zu fassen: Manche Menschen sehen das Glas halb voll, andere sehen es halb leer. Wer glücklicher sein will, sollte versuchen, das Augenmerk auf die schönen Dinge zu legen – und negative Sachen vielleicht einmal ausblenden. Gefühle sind die Reaktion unseres Gehirns auf äußere Reize und das Gehirn lässt sich tatsächlich umprogrammieren. Hobbies können helfen, ebenso wie Sport oder gutes Essen. Schokolade setzt bekanntermaßen Glückshormone frei – ein Stück Frustschokolade kann also tatsächlich helfen.

Fazit: Die kleinen Dinge schätzen lernen

„Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.“ (Wilhelm Busch)

Viele kleine Dinge können im Hirn Glücksgefühle auslösen. Dazu gehören auch – und besonders – Pflanzen und Tiere. Zeit draußen im Grünen zu verbringen, kann sich positiv auf das körperliche und seelische Wohlbefinden auswirken. Selbst ein paar Topfpflanzen im Haus können dabei schon helfen. Die englische Buchautorin Emma Mitchell hat diese Erfahrung gemacht. Sie war jahrelang an Depressionen erkrankt, bis sie auf das Land in Cambridgeshire zog. Sie begann nicht nur die Pflanzen in ihrem Tagebuch zu dokumentieren und zu zeichnen, sondern untersuchte auch den Einfluss der Natur auf die mentale Gesundheit. Einer ihrer Tipps: Im Wald oder aus Fenster nach Vögeln Ausschau halten, denn: „Wenn man etwas unerwartetes erspäht, dann löst das einen Dopamin-Schub aus. Wir bekommen diese Reaktion, wenn wir etwas sehen, das wir hübsch finden, das wir suchen oder etwas, das einfach unerwartet schön ist.“ (https://twitter.com/silverpebble/status/1322845522001055747?s=20)

Im Fazit heißt das: Um glücklicher zu sein, müssen wir manchmal gar nicht das gesamte Leben umkrempeln. Die kleinen Dinge und Schönheiten zu suchen, beobachten und zu schätzen, gibt bereits einen Schub an Glückshormonen, der uns auch durch die kalten und dunklen Wintertage bringt.