29.09.2021

Remote Working

Arbeiten auf der ganzen Welt

Ein Ferienhaus an der spanischen Atlantikküste. Es sind mehr als dreißig Grad, doch ein leichter Windzug vom Meer macht es im Schatten erträglich. Daniel hat es sich an einem kleinen runden Tisch unter einem Baum gemütlich gemacht. Er trinkt einen Iced Latte während er in die Tasten seines Computers tippt, ab und zu wirft er einen Blick in Richtung Strand. Zum Schwimmen hat er gerade keine Zeit, denn Daniel ist nicht im Urlaub, er arbeitet Remote. Ein Ferienappartement an der spanischen Küste ist für die nächsten drei Wochen nicht nur sein Zuhause, sondern auch sein Arbeitsplatz. Tatsächlich sehen einige im Remote Working die Zukunft der Arbeitswelt – und damit ist nicht das Homeoffice gemeint, denn zwischen Remote Arbeiten und Homeoffice gibt es entscheidende Unterschiede. Was sie gemeinsam haben? Die moderne Arbeitswelt hat sich verändert und Arbeitnehmer wollen verstärkt selbst über Arbeitszeit- und Arbeitsort bestimmen und nicht ständig unter Beobachtung des Chefs oder der Kollegen stehen. Spätestens seit 2020 hat sich das Homeoffice in den meisten Unternehmen fest etabliert, doch wer Remote arbeitet, der ist nicht einmal mehr daran gebunden.

Remote versus Homeoffice: Was ist der Unterschied?

Grob übersetzt bedeutet Remote Working nichts anderes als Fernarbeit und die muss anders als beim Homeoffice nicht von zuhause aus passieren. Remote Worker können sich das Arbeitsumfeld so aussuchen, dass es zu ihrem Privatleben und ihrem Job passt. Homeoffice hingegen bedeutet, dass Mitarbeiter von ihrem Büro zuhause arbeiten. Sie haben dabei zum Beispiel eine reguläre Präsenzpflicht und der Arbeitgeber erwartet, dass der Mitarbeiter zu den regulären Arbeitszeiten per Telefon oder E-Mail erreichbar ist. Unter normalen Umständen – und nicht Mitten in einer Pandemie mit ihren Sonderregeln – ist das Homeoffice auch nur auf einige Tage in der Woche beschränkt.

Anders ist das beim Remote Working: Hier bedarf es tatsächlich nur Laptop, Telefon und Internet, ansonsten kann der Mitarbeiter arbeiten, wann und wo er möchte. Das kann das Café um die Ecke sein, ein Co-Working Space, auf der Reise im Zug oder eben auch an der spanischen Küste. Solange die Arbeit erledigt wird, ist das dem Arbeitgeber letztendlich gleichgültig. „Remote Working kann eventuell ein bessere Option sein, sollte es im eigenen Zuhause nicht möglich sein, optimal zu arbeiten“, sagt head for work Consultant Jana Wosnitza.

Remote klingt tatsächlich ein wenig wie die Arbeit von Menschen, die freiberuflich arbeiten und somit ihr eigener Boss sind. Das ist aber nicht der Fall, denn als Angestellte sind sie noch immer weisungsgebunden. Auch haben sie nicht das Risiko von Freiberuflern, die projektbezogen arbeiten und gegebenenfalls eben kein Einkommen haben, wenn sie einmal keinen Auftrag bekommen. Mitarbeiter, die fernab des Büros arbeiten, haben weiterhin einen Vertrag mit dem Unternehmen und profitieren von Vorteilen wie der regelmäßigen Bezahlung, Urlaubs- und Krankengeld.

Vor- und Nachteile für Mitarbeiter: Freiheit versus fehlende Freizeit

Die Frage des Remote Working spielt bereits im Bewerbungsverfahren eine Rolle, denn oft entscheidet sich hier, wie die weitere Zusammenarbeit aussehen wird. „Remote Working bringt natürlich eine große Flexibilität mit sich. Man spart sich die Anfahrt und Rückfahrt zum Arbeitgeber und gewinnt dadurch auch an Freizeit. Trotzdem muss man darauf achten, dass Beruf und Privatleben im Einklang sind und man gewisse zeitliche Grenzen setzt, damit man sich nicht überarbeitet oder zu wenig macht“, sagt Oscar Koning, Senior Consultant bei head for work. Zeitmanagement will gelernt sein und das ist bei Remote Working besonders wichtig, da es eben keine vorgeschriebenen Präsenzzeiten gibt. Man muss also lernen, Raum für sich selbst zu schaffen – gerade wenn man aufgrund von Projekt-Deadlines unter Zeitdruck steht.

Remote Working kann auch bedeuten, dass der Mitarbeiter in einer ganz anderen Zeitzone arbeitet, zum Beispiel an der amerikanischen Westküste, obwohl das Unternehmen in Europa sitzt. Der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin hat sich vielleicht dazu entschlossen, weil er oder sie etwas Neues kennenlernen möchte oder der Lebenspartner dort einen Job angenommen hat, der Vorortarbeit notwendig macht. Die Gründe können also sehr vielseitig sein. „Gegebenenfalls können sich Arbeitnehmer den einen oder anderen Lebenstraum erfüllen, obwohl sie ihrem alltäglichen Arbeitsalltag nachkommen“, sagt Senior Consultant Lino von Noppen. Auch Senior Consultant Sabine Erzmoneit hebt die Flexibilität als großen Vorteil des Remote Working hervor: „Menschen können dadurch ihre persönlichen Leidenschaften, wie zum Beispiel das Reisen und Verweilen an neuen Orten, stärker mit ihrer Arbeit vereinbaren.“ Auch lässt dich die normale Arbeit gegebenenfalls besser an die privaten Umstände anpassen, zum Beispiel an die Betreuung der Kinder. „Zudem werden Arbeitswege eingespart, sodass ein Teil der Kandidaten auch bereit ist, weitere Strecken auf sich zu nehmen, wenn man diese nur zwei oder drei Mal in der Woche fahren muss“, berichtet die Beraterin über Erfahrung aus dem eigenen Recruiting-Alltag. Aber: „Aus Kandidatensicht ist der Bedarf nach Remote Working noch überschaubar und eher bei Reisefreudigen gefragt“, sagt ihr Kollege Oscar Koning.

Tatsächlich hat auch das Remote Working Nachteile, insbesondere wenn Mitarbeiter reisen oder an einem anderen Ort sind als das Unternehmen oder die Kunden. „Der Nachteil ist, dass Arbeitnehmer nicht ohne Weiteres Präsenztermine wahrnehmen können, welche vielleicht spontan und persönlich wahrgenommen werden müssten“, sagt Lino von Noppen. Oft fehlt Mitarbeitern, die ausschließlich Remote arbeiten, darüber hinaus der Kontakt zu Kollegen und das damit verbundene wichtige Netzwerk an persönlichen Kontakten. Jana Wosnitza verweist zudem auf die höhere Gefahr der Ablenkung. Man denke da nur an einen Mitarbeiter, der in einem lauten Café einen wichtigen Geschäftsbericht schreibt.

Gleichzeitig kann Remote Arbeit aber genau das Gegenteil bewirken: Statt abgelenkt zu sein, haben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eine höhere Produktivität, da die üblichen Störfaktoren des Büros komplett wegfallen. So schön der Kontakt zu Kollegen auch ist, es kann sehr ablenken, wenn jemand mit einem Kaffee in der Tür steht, während man gerade mit einer wichtigen und anstrengenden Aufgabe beschäftigt ist. Im Großraumbüro kommt dann oft noch hinzu, dass ständig Telefone klingeln, die Kollegen durcheinanderreden, der eine hüstelt, der zweite putzt sich lautstark die Nase und der dritte flucht, weil der Drucker wieder einmal nicht funktioniert. All das sind ablenkende Störfaktoren, die es im Remote Working so nicht gibt. Auch fallen unproduktive Meetings weg. Wer Remote arbeitet, der kontrolliert selbst die Umgebung und damit auch die Geräuschkulisse und mögliche Störquellen. Der eine muss vielleicht die Tür hinter sich zu machen und braucht absolute Ruhe, während eine Kollegin die Geräuschkulisse eines Cafés oder die Geräusche von Autos durch das offene Fenster braucht, um sich ideal konzentrieren zu können.

Ein weiterer Nachteil für Mitarbeiter kann tatsächlich in den Kosten liegen, denn während sich Unternehmen Mietkosten sparen, wälzen sie einige Betriebskosten tatsächlich auf die Remote Mitarbeiter ab: Das betrifft nicht nur höhere Stromkosten, sondern ggf. auch die Miete für einen Co-Working-Space, falls es zuhause kein Büro gibt oder die Kinder stören.

Vor- und Nachteile für Unternehmen: Kostenersparnis versus (emotionale) Distanz

Tatsächlich steht das Thema Remote Working bei den meisten deutschen Unternehmen noch ganz am Anfang. Ähnlich wie beim Homeoffice bietet Remote Working für Unternehmen vor allem eine Kostenersparnis, denn es muss für den entsprechenden Mitarbeiter kein Büro oder keinen festen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Da zudem die oft lange Anfahrt wegfällt, sind die Mitarbeiter meist ausgeruhter und damit bei der Arbeit konzentrierter. „Jedoch muss drauf geachtet werden, dass man trotzdem noch ein Teamgefühl beibehält und die Mitarbeiter nicht ‚vereinsamen‘. Als großer Pluspunkt kann man die Möglichkeit erwähnen, qualifizierte Mitarbeiter aus der ganzen Welt zu gewinnen“, sagt Oscar Koning. Tatsächlich bieten derzeit kaum Unternehmen an, zu 100% Remote zu arbeiten. „Tendenziell eher 100% Homeoffice, was jedoch nicht so erwünscht ist, wie man glauben mag“, sagt Lino van Noppen aus der eigenen Erfahrung als Berater. Wer sich als Kandidat tatsächlich 100% Remote Working wünsche, der tue das, weil er aus dem Ausland arbeiten möchte.

Gehen wir also noch einmal zurück zum Beispiel der unterschiedlichen Zeitzone. Es kann für Unternehmen Vorteile haben, wenn sie einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin vor Ort haben, wenn sie beispielsweise Kunden in Amerika oder Asien haben – oder zumindest jemanden, der zur dort üblichen Arbeitszeit erreichbar ist, schlichtweg, weil er in der gleichen Zeitzone lebt und arbeitet. Das Unternehmen spart sich somit den Aufwand, eine Zweigstelle oder Niederlassung einzurichten, kann aber dennoch eine optimale Kundebetreuung garantieren. „Unternehmen und Kunden können dementsprechend natürlich auch von der kulturellen Vielfalt der Mitarbeitenden profitieren. Und Unternehmen müssen nicht mehr nur auf den inländischen Arbeitsmarkt zurückgreifen, sondern können auch Fachkräfte aus dem Ausland zur Besetzung ihrer Positionen heranziehen“, sagt Sabine Erzmoneit. Und diese neuen Mitarbeiter müssen dann nicht einmal mehr umziehen, sondern können Remote an ihrem derzeitigen Wohnort verbleiben.

Gleichzeitig kann es für Probleme sorgen, wenn Mitarbeiter in einer anderen Zeitzone arbeiten: „Gemeinsame Meetings mit Kollegen oder Kunden sind in dem Fall natürlich schwieriger zu koordinieren“, sagt Sabine Erzmoneit. Grundsätzlich kann die Erreichbarkeit beim Remote Working zu einem Problem werden. „Je nach Region, in der sie sich aufhalten (auch in Deutschland), kann es gegebenenfalls Schwierigkeiten mit der Internet- und Telefonverbindung geben.“ Eines der Hauptprobleme des Remote Working ist damit, wie man eine gute Kommunikation erreicht, denn ein persönlicher Kontakt zu Kollegen ist schwer zu ersetzen. Wenn dann noch die entsprechende Technik fehlt, können sich Remote arbeitende Mitarbeiter schnell ausgegrenzt fühlen, beziehungsweise bekommen tatsächlich die wichtigen Prozesse im Unternehmen nur aus zweiter Hand mit. Sie sind von wichtigen Informationsquellen, wie kurzen Gesprächen auf dem Flur, ausgeschlossen und das kann auf lange Frist die Beziehung zum restlichen Team stören. Darauf müssen Unternehmen achten und im Zweifelsfall Gegenmaßnahmen einleiten.

Neben diesen praktischen Aspekten gibt es auch bürokratische Hürden, die für Probleme sorgen können: Das betrifft zum Beispiel mögliche Kostenerstattung für Strom oder Telefonnutzung, ebenso wie die Frage, ob der Arbeitgeber eine Ausstattung für ein Büro zuhause bereitstellen muss. Und was ist eigentlich der offizielle, vertraglich geregelte Arbeitsplatz, wenn es weder das Homeoffice, noch das Unternehmensbüro oder ein Coworking-Space ist? Wer kommt für mögliche Unfallschäden auf? Und wie sieht es beispielsweise mit einer Auslandskrankenversicherung aus, wenn der Arbeitnehmer sich entschließt auf Reise zu gehen und von unterwegs zu arbeiten? All diese Fragen stellen Unternehmen vor rechtliche Probleme und die damit verbundene Unsicherheit schreckt viele davon ab, Remote Working als Option anzubieten. Da ist es schon einfacher, regelmäßig mit Freiberuflern zusammenzuarbeiten, die selbst diese Lasten zu tragen haben.

Die Zukunft der Arbeitswelt: Im Büro, Homeoffice oder Remote?

„Ich glaube nicht, dass der Gedanke von einer klaren örtlichen Trennung von Arbeit und Privatleben jemals verschwinden wird. Aber ich denke dennoch, dass der Trend hinsichtlich flexibler Arbeitsmöglichkeiten stetig steigen wird“, sagt Senior Consultant Oscar Koning über die potentielle Arbeitswelt der Zukunft. Lino van Noppen ergänzt: „Um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden, ist das starre Arbeitszeit und Bürokonzept überholt.“ Aber es sei auch wichtig, zu erkennen, dass nicht jeder tatsächlich Remote oder auch nur im Homeoffice arbeiten möchte, sagt Sabine Erzmoneit, „da sie zum Teil Schwierigkeiten damit haben, Kontakt zu Kollegen aufzubauen und der Kaffeeklatsch auf dem Flur dann doch manchmal fehlt“. Jana Wosnitza sieht daher die neue Arbeitswelt als eine Art Hybrid zwischen klassischem Büro, Homeoffice und anderen Formen des Remote Arbeitens, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „trotzdem den Kontakt mit Kollegen im Büro beibehalten können“. Sabine Erzmoneit sieht das ähnlich und hat einen abschließenden Tipp für Unternehmen: „Ich denke, dass Arbeitgeber aber auf die Flexibilitätswunsch der Kandidaten hören sollten, um langfristig am Arbeitsmarkt noch attraktiv zu bleiben. Wenn die Konkurrenz entsprechende Lösungen anbietet, wird es schwierig auf dem Arbeitsmarkt noch attraktiv zu bleiben. Ich glaube aber auch, dass Mitarbeitende den persönlichen Kontakt zu Kollegen und Vorgesetzten wertschätzen.“

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