22.09.2021

Sprachgepflogenheiten

Was ist angemessen im Geschäftsleben?

Wie man sich in der Geschäftswelt richtig verhält, das ist immer eine komplizierte Frage und das beginnt schon bei der Sprache. Derzeit ist das Thema gendergerechte Sprache in aller Munde – und nicht selten regt sich daran Kritik. Wie geht man also als Unternehmen mit solch einem heiklen Thema um? Ein erster Schritt ist immer, sich wirklich bewusst zu machen, wo das Problem liegt und welche Möglichkeiten und Optionen man eigentlich hat.

Gendersprache: Was steckt dahinter?

Letztlich hat gendergerechte Sprache die Gleichbehandlung von Frauen, Männern und nichtbinären Personen zum Ziel – und diese findet auch in der gesprochenen und geschriebenen Sprache ihren Niederschlag. Um eine maskuline Sprache zu vermeiden, gibt es sprachlich zwei Möglichkeiten: Zum einen kann man die Geschlechter sichtbar machen, die sich sonst in der deutschen Sprache meist hinter der rein männlichen Form verstecken. Wir könnten hier also von Lesern und Leserinnen sprechen, oder von Leser*innen, wobei das Sternchen deutlich machen soll, dass hier alle – auch nichtbinäre – Geschlechter gemeint sind. In einigen Fällen ist es auch möglich eine neutrale Form zu wählen, das klappt aber beispielsweise nicht bei allen Berufen. Drei Beispiele: Lehrkräfte, Polizeikräfte oder Reinigungspersonal, statt Lehrer, Polizist und Putzfrau.

Gendergerechte Sprache: Historisch gewachsene Ungleichheit

Hier zeigt sich tatsächlich ein weiteres Problem des deutschen Sprachgebrauchs. Bei vielen Berufen ist die etablierte Form männlich. Man spricht von Ärzten, Anwälten, Bäckern etc. Nur in einigen wenigen Berufen ist das ursprünglich verwendete Wort weiblich – und das betrifft vor allem lange Zeit als „typisch weibliche“ geltende Tätigkeiten oder Berufe. Dazu gehört die schon angesprochene Putzfrau (schon einmal etwas von einem „Putzmann“ gehört?) oder auch die Krankenschwester. Krankenbruder sagt schließlich keiner. In Berufsbezeichnungen macht sich also die alte berufsspezifische Rollenverteilung bemerkbar. Schauen wir zum Beispiel einmal in das beginnende 20. Jahrhundert: Einer der wenigen Berufe, der Frauen offenstand, war Krankenschwester. Wer sich als Ärztin etablieren wollte, hatte es da schwer. Erst 1899 hatte der Bundesrat überhaupt beschlossen, dass Frauen im Deutschen Reich Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie studieren durften. Bei den männlichen Kollegen aber stieß das auf entsprechenden Widerstand. Erstmals durchbrochen wurden diese klassischen Rollenbilder im Berufsleben im Ersten Weltkrieg, als Frauen in der Kriegswirtschaft und in den Fabriken gebraucht wurden. Plötzlich standen ihnen ganz neue Karrieren offen, auch wenn man dies damals als eine Sondersituation ansah und erwartete, dass Frauen nach Kriegsende wieder in die altbewährten Rollenbilder zurückfallen würden. Dass Berufsbezeichnungen im Deutschen also fast durchgehend männlich sind, ist ein Erbe der Geschichte und damit gewissermaßen ein Echo inzwischen überholter Rollenbilder. Denn bis vor wenigen Jahrzehnten gab es gar keine Debatte darüber, ob eine Berufsbezeichnung zu männlich ist: Die Berufe standen schlichtweg nur Männern offen.

Erste Richtlinien: Sexismus in der Sprache beseitigen

Auch wenn die Debatte um gendergerechte Sprache gerade wieder einmal heftig tobt, so ist sie doch nicht neu: Bereits 1980 erschienen im deutschen Sprachraum die ersten „Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs“, den vier Sprachwissenschaftlerinnen und Gründerinnen der Feministischen Linguistik zusammengestellt hatten. Sie verwendeten den Begriff „sexistisch“, da sie in der deutschen Sprache ein sprachliches Ungleichgewicht entdeckten. Und das betrifft wiederum Berufsbezeichnungen. Sie merkten an, dass die weibliche Form – Ärztinnen, Unternehmerinnen, Polizistinnen – immer dann verwendeten wird, wenn es ausschließlich um Frauen geht. Die männliche Form – Arzt, Unternehmer, Polizist – aber würde verallgemeinernd für alle Geschlechter verwendet. Man spricht hier auch von einem generischen Maskulinum. Das aber macht Frauen unsichtbar. Ein Beispiel: Unternehmer und Unternehmerinnen treffen sich zu einem Seminar oder einer Messe. Und tatsächlich sind unter den 50 Teilnehmer*innen 30 Frauen und 20 Männer, dennoch würde man in dem Fall von einem „Unternehmertreffen“, einer „Unternehmerversammlung“ oder einem „Seminar für Unternehmer“ sprechen. Zwar sind hier beide Geschlechter gemeint, aber es geht auch um die Bilder, die Sprache im Kopf erzeugt. Wer also denkt bei einem Treffen von Unternehmern nicht zuerst an eine Gruppe von Herren in Anzügen – auch wenn die Frauen tatsächlich in der Mehrzahl sind? Viele Studien haben diesen Mechanismus nachgewiesen. So hat eine Onlinestudie gezeigt, dass 44 Prozent der teilnehmenden Personen in einem darauf folgenden Rätsel davon ausgingen, der Experte sei eine Frau, wenn ein Text in gendergerechter Sprache verfasst ist. Bei dem gleichen Text im generischen Maskulinum waren es nur 33 Prozent. Quelle

Inzwischen ist das Ziel solch gendergerechter Sprachregelungen noch weiter gefasst, denn seit 2018 ist in Deutschland die Geschlechterkategorie „divers“ anerkannt.

Kritik am Gendern – zu kompliziert und grammatikalisch falsch

So alt wie die Forderung nach einer gendergerechten Sprache, so alt ist auch die Kritik daran. Einige Kritiker zum Beispiel werfen Befürworten vor, dass die Gendersprache rein ideologisch motiviert sei. Andere weisen – nicht ganz zu Unrecht – darauf hin, dass Genderstern oder Gender-Gap die Sprache sehr viel komplizierter machen und grammatikalische Fehler mit sich bringen. Von „Wortungetümen“ ist die Rede. Quelle Tatsächlich macht gendergerechte Sprache grammatikalisch einiges komplizierter, denn nicht nur das Substantiv, sondern auch bestimmte und unbestimmte Artikel, sowie Adjektive müssen entsprechend in die richtige Form gebracht werden. Zwei Beispiele: „Die erfahren en Unternehmer innen treffen sich regelmäßig auf Messen“ oder „Wir suchen eine n engagierten Auszubildende *n“. Natürlich ist das sehr viel umständlicher als „die erfahrenen Unternehmer“ oder „einen engagierten Auszubildenden“. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass es nicht nur um geschriebene, sondern auch im gesprochene Sprache geht, dann wird es noch komplizierter. Denn das Gendersternchen beispielsweise ist ein Indikator dafür, dass man beim Sprechen eine Pause macht. Also UnternehmerPauseinnen Sprache verändert sich. Aber wer sich vielleicht noch an die letzte Rechtschreibreform erinnert, der weiß wie mühsam es ist, neue Regeln zu lernen und wie oft man sich über die Änderungen geärgert hat. Ähnlich ist das heute mit gendergerechter Sprache: Bei vielen löst es Irritationen aus, weil es ungewohnt und kompliziert ist. Doch je mehr man sie verwendete, desto mehr gewöhnt sich das Gehirn daran. Andere Kritik richtet sich nicht gegen die sprachliche Kompliziertheit, sondern gegen die Überbetonung der Geschlechterunterschiede: Wer immer auf beide Geschlechter verweise, würde die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nur noch vertiefen. Einer Studie von Infratest Dimap zufolge lehnen derzeit rund 65 Prozent der Deutschen eine gendergerechte Sprache ab. Das ist deutlich mehr als im Jahr zuvor. Frauen bewerten es durchaus positiver als Männer, doch ist auch hier die Ablehnung gestiegen. Quelle

Gendergerechte Sprache: Wie sollen Unternehmen damit umgehen?

Unternehmen sollten sich dieser Aspekte bewusst sein, wenn sie zum Beispiel eine Pressemitteilung schreiben oder eine Stellenausschreibung veröffentlichen. Dabei geht es vor allem um eine „bewusste“ Entscheidung, statt das Thema einfach zu ignorieren. Und es geht zum Beispiel um Fragen der Zielgruppe: Will man eine junge Generation ansprechen, dann macht es Sinn, sich bewusst für eine der möglichen genderinklusiven Formen zu entscheiden, denn gerade jüngere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sind sich dieser Problematik sehr viel stärker bewusst als die ältere Generation. Adressiert man auf der anderen Seite Kunden, von denen man weiß, dass sie sehr konservativ sind, dann kann beispielsweise ein Gendersternchen beim Gegenüber durchaus eine gewisse ablehnende Haltung auslösen. Man muss dafür nur auf kritische Stimmen schauen und die Argumente gegen eine gegenderte Sprache. Eine gute Alternative ist es daher immer, Sätze neutral zu formulieren – soweit das überhaupt möglich ist. Als Unternehmen sollte man immer bedenken, dass Gendern tatsächlich auch Auswirkungen auf die Berufswahl und Bewerberinnen und Bewerber hat. So hat sich gezeigt, dass sich mehr Frauen auf Stellen bewerben, wenn die Stellenanzeige nicht im generischen Maskulinum verfasst ist – und weniger als männlich geltende Attribute wie „dominant“ enthält. Inzwischen ist es auch gar nicht mehr zulässig Stellenanzeigen nur mit einem Geschlecht auszuschreiben: Das Gleichbehandlungsgesetz von 2018 schreibt vor, dass Stellen geschlechtsneutral ausgeschrieben sein müssen. Da reicht allerdings schon der Zusatz (m/w/d) hinter der Berufsbezeichnung. Sprache hat einen großen Einfluss auf die Wirtschaft und die Gesellschaft. Es gibt Länder, die tatsächlich an sich eine neutrale Sprache haben und in denen nicht jedes Wort automatisch ein Geschlecht bekommt, wie das im Deutschen der Fall ist. Im Finnischen ist das zum Beispiel so In diesen Ländern sind Frauen häufiger erwerbstätig oder sogar Unternehmerinnen und beteiligen sich politisch mehr. Das hat eine Studie in 100 Ländern mit unterschiedlichen Sprachsystemen gezeigt. Quelle Sprache führt aber nicht automatisch zu mehr Gleichberechtigung: Ungarisch und Türkisch haben beispielsweise eine neutrale Sprache, schneiden aber beim Global Gender Gab Report schlecht ab. Quelle Es ist also schwierig einen kausalen Zusammenhang zwischen Gendern und Gleichberechtigung zu ziehen, da dafür auch andere Faktoren eine Rolle spielen.

Smileys und Emojis im Geschäftsleben – angemessen oder nicht?

Das Thema Gendern ist lang und kompliziert, aber auch andere neue Gepflogenheiten bergen Ihre Tücken. Smileys oder Emojis sind inzwischen nicht nur online oder per Textnachricht alltäglich, sondern auch bei E-Mails. Die meisten modernen E-Mail-Programme bieten Emojis auch für Desktop-Anwender an. Doch wie geht man damit im Geschäftsleben um?

Grundsätzlich sollte man dabei folgende Fragen beachten:

  • Wie gut und wie lange kenne ich meinen Gesprächspartner?
  • Was sind die Gepflogenheiten in der Branche?
  • Wie konservativ (oder jung und innovativ) ist mein Gegenüber?
  • Wie formell ist das Anschreiben?
  • Welches Medium nutze ich?

Auf Webseiten oder beim Druck von Broschüren muss man zum Beispiel beachten, ob sich Emojis auch darstellen lassen, oder ob die Druckqualität dafür sorgt, dass die Emojis letztlich ganz verschwommen sind. Auch sollte man immer die Lesbarkeit beachten: Smileys und Emojis können durchaus missverständlich sein. Jeder kann etwas mit einem Zwinkersmiley oder einem Daumen-hoch anfangen. Aber was bedeutet die folgende Kombination:"Computer, Läufer, rotes Schwitzsmiley, Wecker, Sarg/Totenkopf" Lösung: Ich muss mich gerade am Computer abhetzen, weil ich eine Deadline habe.

Genauso kompliziert wird es mit Abkürzungen, die gerade in der Jugend- und Online-Sprache verwendet werden. Daher ist auch hier Vorsicht angebracht. Nicht jeder versteht es, da es sich zudem meist auch noch um englische Abkürzungen handelt. Auch hier ein Beispiel. Man denke an eine kurze E-Mail oder eine Textnachricht und die lautet wie folgt: „Hi noob, 4YEO, some advice on your first day: RTM!! JK. Get AFK. CYA L8R IRL!” „Hi newbie, for your eyes only, some advice on your first day: Read the manual!! Just kidding. Get away from the keyboard. See you later in real life.”

Du oder Sie? Moderne Höflichkeitsformen

Zuletzt ist auch das Thema „Du“ oder „Sie“ noch wichtig, denn auch hier gibt es durchaus unterschiedliche Gepflogenheiten. Im englischen Sprachraum gibt es diesen Unterschied beispielsweise gar nicht und so gelangt man vom Mr/Mrs/Ms schnell direkt zum Vornamen. Im Deutschen ist das „Sie“ erst einmal die richtige Ansprache, wenn man jemanden nicht kennt. Grundsätzlich bietet dann der oder die Ranghöhere das „Du“ an. Der Chef oder die Chefin sind hier also am Zug. Und dann gibt es noch die alten Kniggeregeln: Im Umgang zwischen Männern und Frauen entscheidet die Frau über das „Du“ und auch das Alter bietet dieses Vorrecht. Das „Du“ beruht dabei auf Gegenseitigkeit: Wer das „Du“ anbietet, der hat davon auszugehen, dass es in beide Richtungen gilt. In Unternehmen ist darüber hinaus die Firmenkultur entscheidend: Bei Ikea ist man auch gegenüber Kunden sofort beim „Du“, bei anderen Unternehmen ist das „Sie“ weiterhin fest etabliert. QuelleGerade als Neuling sollte man sich also danach richten, was im Unternehmen üblich ist.

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