18.08.2020

Wann ist die richtige Zeit für den Jobwechsel?

Sandra* hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht: Jobwechsel mitten in der Krise. Trotzdem fühlt es sich richtig an. Schon weit Monaten wuchs bei ihr die Unzufriedenheit: keine Herausforderungen, schlechtes Betriebsklima, ein neuer Chef, der die Arbeit der Mitarbeiter nicht zu schätzen weiß, mittelmäßige Bezahlung – und ein guter Job mit besserem Gehalt in Aussicht.

Zu den häufigsten Gründen für die Unzufriedenheit im Job gehören ein schlechter Führungsstil des Chefs, das Gehalt, fehlende Wertschätzung, unzureichende Karriereperspektiven und die Arbeitsinhalte. Schlechte Tage oder frustrierende Erlebnisse gehören zum Arbeitsalltag leider dazu, das ist noch kein Kündigungsgrund. Bestimmen derartige Erlebnisse aber den Alltag, dann ist es in der Tat Zeit, über Alternativen nachzudenken.

Gute Gründe für einen Jobwechsel sind:

1. Stress und Gesundheitsbelastung: Dauerhafter Stress kann krank machen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Mobbing unter Kollegen, der Chef vergiftet das Betriebsklima oder es gibt permanent hohe und unerfüllbare Ansprüche. Wenn sich diese selbst mit Überstunden und großem Engagement nicht bewältigen lassen, dann schafft das übermäßigen Stress – und Dauerstress ist ein Gesundheitsrisiko. Egal wie gut die Bezahlung ist, niemand sollte dafür seine Gesundheit riskieren.

2. Langeweile: Nahezu genauso schädlich wie ständige Überlastung ist dauerhafte Langeweile. Das haben auch medizinische Studien ergeben und sprechen hier von einem sogenannten Boreout. Ein Boreout kann für ganz ähnliche Symptome wie beim Burnout sorgen: Niedergeschlagenheit, Depressionen, Antriebs- und Schlaflosigkeit oder auch Tinnitus, Infektionsanfälligkeit, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen und Schwindelgefühle.(https://de.wikipedia.org/wiki/Boreout-Syndrom) Wer sich ständig langweilt, der sollte den nächsten internen oder externen Karriereschritt planen oder zumindest neue Aufgaben einfordern. Wenn das eigene Unternehmen diesen Anspruch nicht erfüllen kann, sollte man über einen Unternehmenswechsel nachdenken.

3. Karrierestillstand: Kaum etwas ist frustrierender als das Gefühl, dass es mit der Karriere einfach nicht weitergeht. Es fehlen Perspektiven, ebenso wie finanzielle Anreize. Stillstand kann aber auch das ganze Unternehmen betreffen. Wenn sich ein Unternehmen nicht weiterentwickelt und sich nicht an Veränderungen im Markt anpasst, dann kann das auf lange Frist das gesamte Unternehmen gefährden. Auch das sollte man als Arbeitnehmer im Auge behalten und bei der Karriereplanung berücksichtigen.

4. Vetternwirtschaft: Der Sohn des Chefs kriegt den lang ersehnten Job im Management, auf den man seit Jahren hingearbeitet hat, und der Chef hat nicht einmal ein gutes Wort für das Engagement übrig. Die Chefin umgibt sich mit einer regelrechten Clique von „Freunden“. Wer nicht dazu gehört, hat keine Chance im Unternehmen voranzukommen. Es bedarf keiner detaillierteren Erklärung: Hier ist ein Unternehmenswechseln oftmals der einzig logische und mögliche Schritt.

5. Unsicherheit: In unserer modernen Arbeitswelt kann man sich seines Jobs nie zu 100% sicher sein. Dafür verändert sich zu viel, zu schnell. Ist man aber kontinuierlich einer kräftezehrenden Unsicherheit ausgesetzt, dann kann auch das krank machen (siehe Punkt 1). Bekommt man zum Beispiel immer nur einen befristeten Job, für ein halbes Jahr oder Jahr, dann ist das jedes Mal mit einer Angst vor dem Jobverlust verbunden, selbst wenn der Chef oder die Chefin eine Verlängerung verspricht. In solch einer Situation sollte man darüber nachdenken, sich einen Job in einem anderen Unternehmen zu suchen. Andererseits kann die mit einem Arbeitsplatzwechsel verbundene Unsicherheit ebenfalls abschrecken.

Schon vor Monaten war für Andreas* klar: Wenn er mit seiner Karriere vorankommen will, muss er irgendwann die Firma wechseln. Er arbeitet in einem kleinen Unternehmen und hat die höchste Karrierestufe erreicht, die er hier erreichen kann. In einem größeren Unternehmen hätte er bessere Chancen: mehr Flexibilität, bessere Bezahlung, Aufstiegschancen. Nach langen Überlegungen hat er sich aber entschieden, diesen Schritt noch einmal aufzuschieben. Seine Branche hat unter der Corona-Krise gelitten, einige Firmen haben Mitarbeiter entlassen oder in Kurzarbeit geschickt. Derzeit hat Andreas eine Festanstellung, das Unternehmen hat die Krise bislang gut überstanden. Ein neuer Job würde 6 Monate Probezeit bedeuten. Das will er nicht riskieren. Zu unsicher, sagt er. Planungssicherheit ist ihm wichtig. Dafür nimmt er es in Kauf, dass sein derzeitiger Job ihn nicht voll auslastet. Vielleicht in einem Jahr, wenn sich alles wieder etwas beruhigt hat, sagt er.

Das Beispiel zeigt: Selbst wenn der Job nicht vollkommen erfüllend ist und manchmal die Frustration überwiegt, kann es Sinn machen, den Berufswechsel noch einmal aufzuschieben. Wer zum Beispiel risiko-avers ist oder eine Familie hat, die von ihm oder ihr abhängig ist, der wird einen Berufswechsel als zu stressig, vielleicht gar als überfordernd empfinden, wenn die Branche gerade in der Krise steckt.

Der erste Schritt: Mit dem Chef über neue Aufgaben sprechen

Grundsätzlich gilt: Wer das Gefühl hat, dass er oder sie im derzeitigen Job nicht weiterkommt, muss nicht direkt den Beruf oder die Firma wechseln. Manchmal ist ein Gespräch mit Vorgesetzten hilfreich, um neue Aufgabenfelder und potentielle Karrierepläne zu diskutieren. Zeitgleich macht es Sinn den Arbeitsmarkt zu beobachten. Ist mein Profil gefragt? Welche Qualifikationen suchen Arbeitgeber? Und welche bringe ich mit? Kann ich vielleicht durch Schulungen meine Chancen verbessern? Wer beispielsweise in einem internationalen Unternehmen arbeiten möchte, braucht gute Englischkenntnisse. Sprachkurse am Abend können da hilfreich sein – und bringen ggf. die innere Befriedigung, die wir im Berufsalltag vermissen, gerade wenn alle Aufgaben zur Routine geworden sind und wir uns langweilen.

Auch hilft ein Gespräch mit Familie und Freunden, um sich über die eigenen Pläne und den Grund für die Unzufriedenheit bewusst zu werden. Das ist doppelt wichtig, wenn man nicht nur die Firma, sondern grundsätzlich den Beruf wechseln möchte. Die meisten von uns haben den derzeitigen Beruf jung gewählt – mit 16, 18 oder 20 Jahren. Nach dem Schulabschluss ist die Entscheidung, welchen Beruf man ergreifen möchte, oftmals überwältigend. Nicht selten kommt Druck von Eltern oder gut gemeinte Ratschläge von Lehrern und Freunden. Wir sollen einen Job mit Zukunft wählen, ohne genau zu wissen, welche Berufe in Zukunft eigentlich gefragt und erfolgreich sind. Mal heißt es: Werde Lehrer, Lehrer braucht man immer. Drei Jahre später dann: Bloß nicht Lehrer, machen viel zu viele, da gibt es keine Stellen. Und wer konnte schon Mitte oder Ende der 1990er genau vorhersehen, in welche Richtung sich AI, Automatisierung, digitale Arbeitswelten entwickeln… IT-Visionäre vielleicht. Berufsbilder haben sich in den letzten Jahrzehnten vollkommen verändert. Haben Architekten vor nicht allzu langer Zeit ihre Entwürfe noch am Zeichenbrett gemacht, geschieht das heute am Computer – inklusive begehbarer 3D-Modelle und Augmented Reality Visualisierungen.

Berufswechsel und Neuanfang

Bedenkt man dies, so ist es keine Schande, dass man nach 20 oder 30 Jahren im Beruf plötzlich merkt, dass man doch etwas ganz anderes machen möchte. Wir alle entwickeln uns weiter und verändern uns im Laufe des Lebens. Wer als Teenager lieber vor dem Computer gesessen hat, will Mitte oder Ende Dreißig vielleicht einen Job, der echte Handarbeit erfordert. Oder umgekehrt. Wer seinen Beruf wechseln möchte, sollte aber genau planen: Wie lassen sich 2-5 Jahre Ausbildung oder Studium finanziell realisieren? Ist vielleicht ein Teilzeitstudium möglich? Wie fühle ich mich, wenn ich Mitte 40 noch einmal die Schulbank drücken muss? Ist es vielleicht gar nicht mein Job an sich, sondern lediglich das berufliche Umfeld? Würde ich mich in einer anderen Firma wohler fühlen? Oder ist es womöglich nichts weiter als eine Midlife-Crisis?

Ein guter Tipp ist immer die altbewährte Liste: Linke Seite pro Jobwechsel, rechte Seite contra Jobwechsel. Das ist hilfreich, um sich selbst bewusst zu machen, wo man eigentlich steht. Denn selbst wenn man das unterschwellige Gefühl hat, dass man einen Jobwechsel braucht, so gibt es doch immer auch Faktoren, die dagegen sprechen. Erst wenn man alle Pros und Contras beleuchtet hat, kann man letztlich eine Entscheidung treffen, mit der man sich wohl fühlt und die sich mental und innerlich richtig anfühlt.

*Name geändert