Liebe zum Job: Wahrheit oder Illusion

Über die Frage, ob man seine Arbeit eigentlich lieben soll, streiten sich die Geister. Bekannt und gerne verbreitet ist das Konfuzius zugeschriebene Sprichwort „Wähle eine Arbeit, die Du liebst und Du wirst niemals einen Tag in Deinem Leben arbeiten.“ Ganz so hat Konfuzius das nicht ausgedrückt und es bleibt ohnehin die Frage: Muss man seinen Job wirklich lieben, um ihn gut zu machen? Und kann Arbeitsliebe auch negativ sein?

Contra Arbeitsliebe: Man kann den Job mögen, aber nicht lieben

Liebe beruht auf Gegenseitigkeit: 

Man kann seine Arbeit zwar gerne mögen, aber von Liebe sollte man nicht sprechen, denn Liebe – so die Kritiker der Idee – beruht auf Gegenseitigkeit und ist selbstlos. (von der Liebe zur Arbeit

Arbeit ist da oft das genaue Gegenteil: Oft stecken wir mehr Energie in die Arbeit hinein, als wir am Ende herausbekommen – zum Beispiel für die eigene Zufriedenheit. Die Liebe zur Arbeit ist lediglich eine Phantasievorstellung, die uns bei der Stange hält, wenn es einmal schwierig wird: „Ich mache das, weil ich meine Arbeit liebe…“ Das führt direkt zu Punkt zwei der Kritik:

Traumjob oder nicht – man muss den Beruf nicht unbedingt lieben, um ihn gut zu machen.

Gefahr der Ausbeutung: 

Anne* hat das am Anfang ihrer Karriere oft erlebt. Da sagte der Chef „für diesen Job muss man brennen“, das sei eigentlich gar kein Job, sondern eine „Berufung“. Was er eigentlich damit meinte war, dass Anne* ohne Mucken und Murren Überstunden machen sollte, oft 14 oder 16 Stunden Schichten jenseits gesetzlicher Vorgaben. Die Erwartung war ganz klar: Wer in der Karriere vorankommen wollte, der bewegte sich am Rande der Ausbeutung. Die vermeintliche Liebe zum Beruf lieferte dafür ein gutes Argument. Dazu gehörte es auch, dass man Privatleben und Freizeit dem Beruf unterzuordnen hatte – schon allein, um zu vermeiden, dass der Eindruck entsteht, man würde die Arbeit doch gar nicht so sehr lieben, wie man immer behauptet hat. 

Eine Studie hat inzwischen gezeigt, dass das Brennen für den Job, oft dazu dient, die schlechte Behandlung von Mitarbeitern zu legitimieren: Wer seinen Job liebt, der wird laut der Studie häufiger Opfer eines unfairen Management-Verhaltens, sei es, dass ihnen irrelevante oder erniedrigende Aufgaben zugeteilt werden oder sie mehr arbeiten müssen, ohne dafür eine entsprechende Entlohnung zu erhalten. Die Forscher nennen das „passion exploitation“, also die Ausbeutung der Leidenschaft. Oft legitimieren Chefs, Kollegen und die Betroffenen selbst eine derartig ungerechte Behandlung mit der Liebe zum Job: weil sie sich selbst für Zusatzaufgaben gemeldet hatten oder weil die neue Aufgabe an sich bereits Belohnung genug ist.

Um zu vermeiden, in eine solche Situation zu geraten, sollte man immer eine Art Kosten-Nutzen-Analyse erstellen: Sind die Überstunden beispielsweise angemessen und was habe ich selbst davon? Falls die negativen Folgen überwiegen, folgt der zweite schwere Schritt, denn man muss lernen, „Nein“ zu sagen. 

Man muss seinen Job nicht lieben, um ihn gut zu machen. Experten wie der Sachbuchautor Volker Kitz plädieren für eine „gesunde Distanz zum Job“. Dass man für den Job brennt, gelte für viele als Normalzustand und suggeriere gleichzeitig, dass mit denjenigen, bei denen das nicht so ist, irgendetwas nicht stimme. Kitz verweist auf die Millionen von Angestellten im Supermarkt, in Geschäften, bei Banken oder Versicherungen. „Sie müssen sich angesichts all der Berichte über Leute, die sich mit ihrer Arbeit einen Lebenstraum erfüllen, vorkommen, als wären sie Idioten, die in ihrem Leben etwas Entscheidendes falsch gemacht haben. Aber das stimmt nicht. Etwas gern zu machen heißt ja auch nicht automatisch, dass man es gut kann“, sagte der Autor in einem Interview mit brand eins. Niemand sollte einen Job machen, den er oder sie fürchterlich findet, oder nicht gut machen kann. Aber man sollte die emotionalen Anforderungen an die „Zufriedenheit“ im Beruf auch nicht zu hoch hängen: Man muss in der Arbeit allein nicht die absolute Erfüllung finden. Kitz warnt vor einer romantischen Verklärung der Selbsterfüllung. Wer sich nicht komplett für den Job aufopfert und ihn nicht von Herzen liebt, kann die Arbeit dennoch gut machen.

Pro Arbeitsliebe: Erfüllung im Berufsleben​

Zeit: Wir verbringen oft mehr als die Hälfte des Lebens mit Arbeiten, daher lassen sich Leben und Arbeiten nicht wirklich voneinander trennen. Wer es also abgründig hasst, Montag ins Büro zu gehen, oder verzweifelt, weil der Urlaub vorbei ist, für den hat die fehlende Freude an der Arbeit auch Konsequenzen für das Privatleben. Mangelnde Motivation, Unzufriedenheit, schlechte Laune nimmt man schließlich oft mit nach Hause. 

Traumjob
Die Liebe zum Beruf ist nicht mit der privaten Liebe zu vergleichen:

Manch einer kritisiert sogar den Begriff Work-Life-Balance, weil er suggeriert, dass beide einen Gegenpol bilden, man sich also im Leben von der Arbeit erholen muss. Statt zu schauen, warum man vielleicht nicht mit dem eigenen Job zufrieden ist und ihn nicht „liebt“, nutzt man eine Vermeidungsstrategie, ein „das ist halt so“. Alternativ könnte man aber gezielt schauen, wann oder wie man die Liebe zum Beruf verloren hat. Ist es der Beruf an sich oder der derzeitige Arbeitsplatz? Das Aufgabengebiet oder das Arbeitsumfeld? All diese Dinge lassen sich ändern. Liebe zur Arbeit heißt hier nicht, dass man die Arbeit über alles andere stellt, sondern dass man den Sport nach der Arbeit und den Job selbst beides als ein positives Erlebnis empfindet – und nicht die Freizeit mit Freude betrachtet, während der Beruf ein kaltes Grausen auslöst. Auch wenn dieses Argument legitim erscheint, sei hier noch einmal auf Punkt 2 des Contra Arbeitsliebe verwiesen: Wer aus Leidenschaft für den Job komplett das Privatleben und den Ausgleich vernachlässigt, der riskiert Burnout und andere gesundheitliche Probleme.

Vorurteil: Wer seine Arbeit liebt, der arbeitet eigentlich gar nicht richtig, sondern verdient mit dem „Hobby“ auch noch Geld. Es gibt tatsächlich Menschen, die einen Beruf haben, der ihnen wirklich Freude macht und der der Mittelpunkt ihres Lebens ist. Dennoch ist es unfair „Liebe und Leidenschaft“ gegen „Arbeit“ auszuspielen, als sei ein Beruf nicht hart, schwierig und zeitaufwändig, nur weil jemand ihn tatsächlich liebt und ihn nicht als Zwang empfindet. Man denke hier zum Beispiel an die Kreativbranche, wo es oft sehr schwierig ist, überhaupt genügend Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Menschen arbeiten hier oft länger und härter, als das in anderen Branchen üblich ist. Sie akzeptieren diese negative Seite aber, weil sie wirklich eine Liebe und Leidenschaft für ihren Beruf haben. Oder man denke an einen Arzt, der aus Liebe für den Beruf und Verantwortung für seine Patienten tagtäglich lange Arbeitszeiten und psychischen Druck in Kauf nimmt.

Einstellungssache statt perfekter Job: Wer ein Kind danach fragt, was es einmal werden möchte, bekommt als Antwort oft recht ausgefallene Berufe wie Astronaut oder Pirat. Mit zunehmenden Alter verändern sich die Berufswünsche, doch die wenigsten Menschen ergreifen als Erwachsene dann den kindlichen Berufswunsch – oft genug, weil sie neue Träume entwickeln. Den perfekten Job gibt es nicht! Selbst Menschen, die ihren Traumjob ergriffen haben, haben immer mal wieder Momente, in denen sie absolut unzufrieden sind – weil ein Kunde stresst, der Zeitplan zu eng ist, etwas schief geht, man sich überarbeitet hat…

Wie bereits beim Thema „Contra Arbeitsliebe“ angesprochen, gibt es – oft durch Medienberichte oder auch Motivationstrainings – sehr unrealistische Jobvorstellungen oder Ideen von der Arbeitswelt. Wer erkennt, dass es diese Perfektion nicht gibt, der kann lernen, seinen Beruf (wieder) zu lieben. Es geht dabei nicht darum, tatsächlichen Stress, Druck, Krankheit oder Mobbing einfach „wegzudenken“, sondern um eine positive Einstellung zu den guten Seiten des Jobs und die Fähigkeit, sich auch mit einfachen Dingen zufrieden zu geben. Man kann sich nach Projektabschluss über den Gesamterfolg freuen, oder rückblickend noch einmal alle Fehler und missglückten Kleinigkeiten Revue passieren lassen. Wer seinen Fokus auf letzteres richtet, wird mit der eigenen Leistung natürlich unzufriedener sein. Wer also ständig wegen Kleinigkeiten unglücklich ist, hat es natürlich deutlich schwerer, seinen Beruf auf Dauer zu lieben. Mehr zu dem Thema findet sich hier: Im Artikel findet sich ein guter Tipp: Wer seinen Job nicht (mehr) liebt, der sollte eine Checkliste machen, warum man den Job ergriffen gar, was einem Spaß macht, was man gelernt hat oder welche Zukunftswünsche es gibt. Das kann dabei helfen herauszufinden, warum ein*e Arbeitnehmer*in gerade unglücklich ist. Liegt es wirklich am Beruf, oder vielleicht am derzeitigen Arbeitgeber, dem Betriebsklima oder einer generellen Unzufriedenheit, die vielleicht gar nicht mit dem Beruf, sondern der privaten und persönlichen Situation zusammenhängt.

Lieben Sie Ihren Job? Oder sind Sie unzufrieden? Wir sind gespannt auf die Meinung unserer Leser*innen und freuen uns auf Feedback in unseren Social-Media-Kanälen auch auf Instagram:

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